Ein für dieses Blog vielleicht etwas ungewöhnlicher Inhalt, aber es wird schnell
klar werden, warum doch nicht ganz so ungewöhnlich: der Bericht über ein
Theaterstück.
Am Montag Abend war ich in
“Netzkind“, ein
Theaterstück des Sandkorn Jugendclubs in
Karlsruhe. Es geht um das Internet, in jedem Sinne. Im positiven als auch im
negativen. Ein „Netzkind“ ist quasi die deutsche Variante des
“Digital Native“. Jemand, der mit dem Netz groß geworden ist, im und mit
dem Netz lebt. Doch jetzt zum Theaterstück selbst.
Professor Tessler hat eine großartige Entdeckung gemacht - eine „echte“
künstliche Intelligenz. Sie kann nicht nur Informationen in beliebigen Mengen
verarbeiten, sondern kann dazu auch noch menschliche Gefühle nachempfinden. Die
Idee: damit könnte man für Recht und Ordnung im Internet sorgen. Parallelen zur
deutschen Politik werden einem mit Parallelen und Zitaten geradezu aufgedrängt.
Zusätzlich ist die künstliche Intelligenz an einige Vorgaben gebunden, so hat
sie die UN Menschenrechtscharta zu beachten und ihr Erschaffer hat das letzte
Wort.
Aus der Sicht eines Außenstehenden kann man nun das Treiben der Menschen im Web
beobachten - sie schreiben über Beziehungsprobleme und beschimpfen sich, kaufen
auf Ebay und die Masse ist enttäuscht (wie sollte es anders sein, wenn nur einer
das Produkt bekommt…), spielen gegeneinander und vernichten sich virtuell -
kurz: sie machen sich gegenseitig das Leben schwer. Verständlicherweise hat die
künstliche Intelligenz Probleme zu verstehen, warum die Menschen eigentlich
nicht einfach glücklich sind. Sie fragt einen der Mitarbeiter nach dem Leben,
was das sei. Er weiß keine Antwort.
Ohne dass dies von ihrer Erfinderin vorgesehen war, entwickelt sich die
künstliche Intelligenz weiter und beschließt, der Menschheit zu helfen, indem
sie die Macht über sie übernehmen will. Dass sie dies mit dem Internet recht
leicht kann, ist ihr und dem Zuschauer mittlerweile klar geworden. Die
Machthaber sind selbstverständlich dagegen und beschließen, sie abzuschalten.
Der vorher dem Leben eher ergebene Mitarbeiter beginnt nun, aktiv zu werden und
versucht das Unmögliche: Die künstliche Intelligenz zu kopieren und nachzubauen.
Hier beginnt das bis jetzt durchaus philosophische Theaterstück, auch noch etwas
Action zu entwickeln. Das wirkt durchaus leicht aufgesetzt, aber bleibt im
Rahmen.
Als Zuschauer habe ich mich hier gefragt: Bin ich dafür oder dagegen? So positiv
es klingen mag, eine künstliche Intelligenz übernimmt die Welt und sorgt für
Frieden und Menschenrechte - so unrealisitisch klingt es auch. Wollen wir das
wirklich? Sie ist in diesem Fall - und dies entspricht nunmal der Realität,
sofern man hier überhaupt von Realität sprechen kann - immer durch einen
Menschen kontrolliert. Und dieser Mensch würde damit sehr große Macht über die
Menschheit bekommen. Etwas, das, so lehrt uns die Geschichte und das
Theaterstück, nicht gut gehen kann. Doch wo liegt die Alternative?
Das Ende bildet die Gemeinschaft der Netzkinder, glücklich vereint um die
künstliche Intelligenz, die mit ihren neuen Erschaffern als Gott verehrt wird.
Ob der Zuschauer dies nun positiv oder negativ betrachtet, bleibt ihm selbst
überlassen.
Eines macht das Stück an Hand der Details, die ich hier eher weniger erwähnt
habe, klar: Durch Engagement gewinnt das Leben an Sinn. Es ist quasi ein Aufruf
zu mehr Engagement. Doch gleichzeitig macht „Netzkind“ auch klar - das Netz
bietet bisher ungekannte Möglichkeiten, zu einer großen Gemeinschaft
zusammenzuwachsen - und birgt aber genausoviele Gefahren. Und diese Gegensätze
werden am Ende auch nicht wirklich aufgelöst, und ich denke das ist auch gut so,
denn das ist alles andere als einfach. Und durchaus auch im realen Leben so.
Insgesamt fand ich das ganze sehr gelungen, vielleicht ein wenig überfüllt mit
Zitaten, und auch die Handlung kann man natürlich hinterfragen, doch es handelt
sich weder um einen Brecht noch um professionelle Schauspieler mit jahrelanger
Erfahrung - und das ist auch gut so, denn so ist es authentisch und aktuell.
Wer jetzt lust bekommen hat, das alles und noch viel mehr selbst zu sehen, dem
sei gesagt, dass noch 5 Aufführungen geplant sind, und zwar Mo, 06.04., Di,
07.04., Mi, 22.04., Mo, 27.04., Di, 28.04.2009 jeweils um 19.30 Uhr.
Update: Wie ich gerade erfahren habe, wird das Stück noch bis zu den Sommerferien gespielt, die Termine stehen lediglich noch nicht fest.